Kein Kreuz der AfD

Wider den rassistischen Normalzustand

Nennt man die AfD „rassistisch“, „nationalistisch“ und „völkisch“, so wittert die rechte „Fundamentalopposition“ gegen die „verbrauchten politischen Alteliten“ [1] dahinter eine raffinierte Hetzkampagne der Regierenden. Um diesem Eindruck vorzubeugen, nehmen wir die „wahren Deutschen“ im folgenden beim eigenen Wort, dem ihrer Reden und ihres Programms*:„Es ist […] eine Politik der menschlichen Überflutung. […] Es ist der Versuch, das deutsche Volk allmählich zu ersetzen durch eine aus allen Teilen dieser Erde herbeigekommene Bevölkerung“ [2]. Dieser Satz könnte ebenso gut in einem Nazi-Pamphlet stehen. Tatsächlich stammt er vom AfD-Spitzenkandidaten Alexander Gauland. Dabei handelt es sich um eine im rechtsextremen Milieu weit verbreitete Meinung, dass sich globale Finanzeliten – eine kaum verhohlene Bezugnahme auf das NS-Schlagwort vom „Weltfinanzjudentum“ – dazu verschworen hätten, einen „große[n] Bevölkerungsaustausch“ [3] zu bewirken, dessen Endziel die Auslöschung der Deutschen und deren Ersatz durch Migranten sei. Diese Meinung hat es nun mit der AfD als Vehikel auf den deutschen Wahlzettel geschafft. Alice Weidel, ebenfalls Spitzenkandidatin, schlägt in dieselbe Kerbe: Teile der Regierung wollten das Grundgesetz durch eine „Steinzeitschariaordnung“ [4] ersetzen.

Doch die Auswahl an rechtsextremen Positionen, der die AfD erneut zur Salonfähigkeit verhilft, ist längst nicht erschöpft: Wenn Björn Höcke von „One-World-Ideologen und ihre[n] Verbündeten“ spricht, vertritt er hundertprozentig die Linie der rechtsextremen Identitären Bewegung, die gleichfalls vor „One-World-Propaganda“ und „einheitlicher One-World-Ideologie“ [3] warnt. Gemeint sind angebliche Welteliten, die es unter Berufung auf die Völkerverständigung darauf abgesehen hätten, die Völker dieser Welt zu verschmelzen und sie sich so untertan zu machen. Wer hier nach verstandesmäßigen Anhaltspunkten sucht, tut dies vergeblich.
Nicht nur im politischen Tagesgeschehen, auch in der Bewertung der deutschen Vergangenheit lehnt sich die AfD an Nazi-Positionen an: Was der sächsische NPD-Politiker Holger Apfel als „Bomben-Holocaust“ bezeichnet, erklärt Björn Höcke zum Versuch, die Deutschen „mit Stumpf und Stiel [zu] vernichten“. Während der eine den 8. Mai 1945, den Tag der Befreiung vom Faschismus, als „Tag der vermeintlichen (!) Befreiung Deutschlands“ [5] denunziert, pflichtet der andere ihm bei, indem er den siegreichen Alliierten „systematische Umerziehung“ mit dem Ziel, die Deutschen ihrer „kollektive[n] Identität“ [1] zu berauben, unterstellt.

Gehen wir vom Abstrakten zum Konkreten über und werfen einen Blick in das aktuelle Wahlprogramm: Um die Angst vor der „menschlichen Überflutung“ weiter zu schüren, warnt die AfD in ihrem Wahlprogramm vor „350 Millionen wanderungswillige[n] Menschen, überwiegend junge[r] Männer“ [6] aus Afrika – etwas mehr als ein Viertel der Bevölkerung des afrikanischen Kontinents. Was sie zu dieser Annahme verleitet, wird nicht weiter ausgeführt. Jedenfalls übernimmt die AfD unkritisch Forderungen der radikalen Rechten nach „Remigration“ [2] Nicht-Deutscher ohne Aufenthaltstitel und qualifiziert sie als „Minusmigration“. Ferner zielt sie mit ausdrücklicher Bezugnahme auf den „Erhalt des eigenen [deutschen] Staatsvolk[s]“ [6] bewusst auf den Ausschluss all jener ab, die ungeachtet ihres Passes hier leben und damit Teil unseres Gemeinwesens sind.

Außerdem wird im Programm „die Ideologie des Multikulturalismus“ als eine Kraft bezeichnet, die deutsche „kulturelle Errungenschaften“ [6] gefährde. Dabei ignoriert die Partei, dass die Entwicklung von Bevölkerungsgruppen und der zugehörigen Kulturen seit jeher dynamisch und nie statisch war. Stattdessen knüpft die AfD mit ihrer Behauptung „Multi-Kultur ist Nicht-Kultur“ sogar explizit an das seitens der radikalen „Neuen Rechten“ vertretene Konzept des Ethnopluralismus an. Darunter versteht man die Auffassung, dass die „Vermischung“ von Völkern widernatürlich sei und man vielmehr geschlossene kulturelle Räume wahren müsse, um eine „Überfremdung“ der eigenen Kultur zu verhindern. Dass diese Vorstellung schon immer illusorisch war und in Zeiten erhöhter weltweiter Verbindung untereinander immer illusorischer wird, ist offenkundig. Tatsächlich verbirgt sich dahinter eine bewusste verbale (!) Anpassung an den Zeitgeist, die darauf abzielt, rassistische Biologismen – also vorgeblich durch die Naturwissenschaften gestützte Erkenntnisse über die Verschiedenheit menschlicher „Rassen“ – erneut in den gesellschaftlichen Diskurs einzuführen.

 

[1] tagesspiegel.de/politik/hoecke-rede-im-wortlaut-gemuetszustand-eines-total-besiegten-volkes/19273518.html

[2] faz.net/aktuell/politik/inland/zum-nachlesen-gaulands-rede-im-wortlaut-14269861.html

[3] identitaere-bewegung.de/category/politische-forderungen/

[4] youtube.com/watch?v=MG5_7sZMBnM

[5] faz.net/aktuell/politik/inland/sachsen-npd-sorgt-fuer-eklat-bomben-holocaust-1207076.html

[6] afd.de/wp-content/uploads/sites/111/2017/08/AfD_kurzprogramm_a4-quer_210717.pdf

 

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